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29.06.1930: … noch immer allerlei Flausen im Kopf (Rudu)

6. Juni 2013/in Briefe

Offenbar hatte es Rudu beim Verfassen dieser Zeilen etwas eilig. Kein Wunder, wenn die Damenwelt einen dauernd aufhält!


Leipzig, den 29. Juni [1930]

Meine liebe Leni,

Deine Zeilen waren sehr erfreulich, kann man sich doch nun ein ganz gutes Bild machen, was so bei Euch vorgeht. In den nächsten Tagen wirst Du in auserlesener Gesellschaft – Mama schreibt mir heute morgen, daß Du mit Oma, Olga, Ella und Lotte dabei sind – nach N. Guten Rutsch! Daß O.S. nicht in Hag. ist, ist natürlich sehr übel. Hoffentlich kommt er in N. mal angerutscht. Papa ist übrigens von nach Weiß-Kollm eingeladen, aber das wirst Du sicher schon wissen. Weißt Du, wann Fanny nach N. kommt? Ich möchte mit dieser so schätzenswerten Frau gern zusammen dort sein. Wahrscheinlich fallen meine diesmal nicht langen Ferien gerade mit denen von Renate zusammen. Du schreibst übrigens garnichts von Viktor, ob Du ihn gar nicht gesehen hast? Dr. Paul ist nur vorübergehend in G., wo er später sein wird, weiß er selbst nicht. Du hast recht, er ist ein famoser Kerl. Du müßtest ihn erst mal erleben, wenn wir so unter uns jungen Mädchen sind, er kann unglaublich viel Troll und Lustigkeit um sich entwickeln. Er fäßt jedenfalls das Leben von der richtigen Seite an.
Von hier nicht viel besoderes zu berichten. Enormes Furtwänglerkonzert. Vor ein paar Tagen lernte ich ein sehr nettes Mädchen kennen, die viel Ähnlichkeit mit Dir hat. Leider stellte sich gestern heraus, daß sie Jüdin ist, das tut der Liebe keinen Abbruch, ich will gleich bei ihren Eltern einen Besuch machen. Wie du siehst, habe ich noch immer allerlei Flausen im Kopf, anstatt still und friedlich von morgends bis abends vor mich hin zu arbeiten. Die Weiblichkeit zieht einen nach m. Meinung weder hinan (Faust) noch hinab, sondern einfach ab, nämlich von der Arbeit. Dir kann man mit gutem Gewissen schreiben und mit Muße Dir einen dicken brüderlichen Kuß in Gedanken geben:

Dein Rudolf


Der Zusammenhang von leider und Jüdin  behagt mir gar nicht. Für wen genau ist es denn „leider“? Für sie? Für ihn? Oder mehr so allgemein gesprochen? Sonderlich ernst scheint es Rudolf mit dem Mädchen jedenfalls nicht zu sein, wenn er gleichzeitig noch an Fanny und Renate denkt. Wobei mir nicht ganz klar ist, ob das Zusammenfallen seiner mit Renates Ferien nun gut oder schlecht ist.

Besonders famos finde ich den Ausdruck „unter uns Mädchen“, wenn Rudolf von sich und seinen Kumpels spricht.

Schlagworte: briefe, famos, flausen, jüdin, liebe, mädchen
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GESA FÜẞLE

übersetzt, lektoriert, entziffert.

Nachdem Ihr Text bei mir auf dem Schreibtisch lag, ist er verständlicher. Weil Sie ihn in der deutschen Übersetzung besser verstehen. Weil nach dem Lektorat komplizierte Zusammenhänge verständlich geworden sind. Weil Sie endlich wissen, was das Sütterlin-Gekrakel in dem alten Dokument bedeutet.

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