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17.02.1929: Grund: es gibt zuviel Hornochsen. (Rudu)

22. Mai 2013/4 Kommentare/in Briefe

Von regem Briefverkehr zwischen Leni und Rudolf kann man wahrlich nicht sprechen. Immerhin ist seit seinem letzten Brief diesmal „nur“ ein Dreivierteljahr vergangen. Rudolf ist 21, Leni 19.


Berlin, den 17. Februar 29.

Meine liebe kleine Leni,

Du bist vielleicht erstaunt, so schnell auf Deinen Brief eine Antwort zu haben, doch ich glaube , ich kann Dir nicht besser meine Freude über Deine Zeilen ausdrücken. Sie waren sehr lieb!
Doch nicht allein der liebe, zart durch klingende Unterton hat mich so erfreut, der Inhalt war auch so riesig vernünftig. Nicht daß ich es Dir nicht zugetraut hätte, doch diese geschriebenen Worte sind ein Beweis, den ich zuvor nicht nötig hatte, doch gegen den alles sonstige Gerede jetzt purer Unsinn ist. Eng hiermit verbunden, ist noch etwas zu erwähnen: stilistisch war es eine Freude ihn zu lesen. Was soll ich hiernach noch lange von Dank reden!
Ein Besuch von Dir hier wäre natürlich sehr edel. Such Dir nette Tage aus. Du sagst, Du liest Zeitung, welche Zeitung – hoffentlich die „DAZ“ – und welchen Teil daraus? Teilnahme an den Ereignissen des Tages finde ich sehr empfehlenswert auch für Euch. Schade, dass gesellschaftlich bei Euch nicht viel los ist! Ich habe es mir manchmal überlegt, wie gut es für Dich wäre, eine Tanzstunde mal in Hamburg mitzumachen wie ich damals bei Knoll. Von nichts kommt nichts.
Bei dieser Gelegenheit ist es gegeben festzustellen, wie gut ich es hier in dieser Beziehung habe, zwar erst seit kurzem. Näher darauf einzugehen ist schriftlich schwer, da man dann kein Ende finden würde und der Empfänger der Zeilen sich doch zum Schluß kein richtiges Bild machen kann, da er – eben nicht dabei war. Zu erwähnen wäre nur die Wirkung bei mir. Eine gewisse Unsicherheit beginnt langsam zu schwinden – es wird bald Zeit – bewirkt durch einigen Erfolg. Sollte etwas Illusion mitspielen, so macht es nichts.
Die Kälte ist natürlich sehr übel. Heute morgen erhielt ich einen Bericht aus N., wo sie immer noch Unheil anrichtet. Die Wasserleitung zu G.s Wohnung + Garage ist in der Erde eingefroren, an bestimmten Orten frieren wesentliche Einrichtungen, auf deutsch Klosetts entzwei (bei B.) Ein Ferkel krepiert, das lebendbleibende Viehzeug friert, Frühbeete können nicht angelegt werden etc. p p. Nur unserem Wild scheint es bei Papas rührender Vorsorge relativ gut zu gehen. Mitte kommender Woche werde ich wahrscheinlich dorthin pendeln. Ich habe nun eine Bitte. Irgendwo in meinem Zimmer wirst Du meinen Fotoapparat finden. Meinen Kommodenschlüssel lege ich bei. M. schreibt, es sei vorzügliche Gelegenheit, Wild zu typen. Sei also bitte so freundlich + schicke mir gut verpackt [Am Rand notiert: Etwas Holzwolle drumrum?] den Apparat im Etui – also mit der Kassette, die hoffentlich dabei ist – nach N. Außerdem einen Filmpack 10 x 15 von Mühlmann, Mama legt wohl die ca. M. 6.- für mich aus. Die Kassette darfst Du nicht öffnen, da ein Film noch drin ist. Wenn Du zu schicken beabsichtigst, schieb nicht zu lange auf, da ich Donnerstag [voraussichtlich? – unleserlich abgekürztes Wort] schon in N. bin.
Die Nachricht von drüben ist erfreulich. Was die nächsten Wochen wohl bringen? _ _ _ _ ?
Ich möchte meine Epistel beenden, ich hab noch eine Menge zu schreiben. Unter anderem nimmt die B.G. („Bremer Gesellschaft“) mich wieder in Anspruch, Grund: es gibt zuviel Hornochsen.

Einen herzlichen Bruderkuß
von Deinem
Rudolf.

Ist das nun ein herzlicher Bruderbrief oder interpretiere ich zu viel rein, wenn ich ihn ein wenig herablassend finde? Es würde mich sehr interessieren, wie Ihr das seht. Leni hat die Schule nach der mittleren Reife verlassen und arbeitete zumindest später in einer Bücherei. Ob sie das zu diesem Zeitpunkt auch schon tat, weiß ich nicht – auch meine verlässliche Quelle kann mir die Frage nicht beantworten. 

Rudolf freut sich über seine schwindende Unsicherheit, das finde ich sehr nett. Und Leni soll also die DAZ lesen – die Deutsche Allgemeine Zeitung. Anscheinend zu dem Zeitpunkt ein rechtskonservatives, antirepublikanisches Blatt. Immerhin keine Nazi-Zeitung. Konservativ – ja. Doch. Das wundert mich so gar nicht. Der Winter 1928/29 war offenbar ähnlich ätzend wie unserer dieses Jahr, auch wenn bei uns keine „wesentlichen Einrichtungen“ entzweigefroren sind.  Und kann mir jemand sagen, was „Wild typen“ bedeuten könnte? Typisieren? 

Schlagworte: bremer gesellschaft, DAZ, fotoapparat, kalter winter, kassette
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4 Kommentare
  1. Mariella (@bridgekeeptrav) sagte:
    24. Mai 2013 um 17:07

    Ich find’s auch herablassend – schon den Anfang mit den Komplimenten zum letzten Brief. Ich als kleine Schwester würde an die Decke gehen.

    • Gesa sagte:
      24. Mai 2013 um 17:15

      Damals war das wahrscheinlich normal, oder?

  2. JP sagte:
    1. Mai 2015 um 14:27

    Da wir nicht wissen, was Leni geschrieben hat, würde ich eher behaupten, daß Rudi sich wirklich einfach nur über den Brief gefreut hat.
    Den etwas herablassenden Ton höre ich dennoch aus dem Brief raus. Das scheint mir aber ganz nachvollziehbar zu sein: Er studiert seit zwei Jahren, ist Vorsitzender seiner Verbindung, schreibt dieses Mal aus der Hauptstadt – er kommt also rum, erlebt viel Neues und hat zum ersten Mal Verantwortung, er entdeckt die Welt und weiß demnach natürlich erstmal alles besser als seine kleine Schwester.

Kommentare sind deaktiviert.

GESA FÜẞLE

übersetzt, lektoriert, entziffert.

Nachdem Ihr Text bei mir auf dem Schreibtisch lag, ist er verständlicher. Weil Sie ihn in der deutschen Übersetzung besser verstehen. Weil nach dem Lektorat komplizierte Zusammenhänge verständlich geworden sind. Weil Sie endlich wissen, was das Sütterlin-Gekrakel in dem alten Dokument bedeutet.

Telefon: +49 40 73509964
E-Mail: gf@textfuss.de

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