Vernebelte Hoffnungsschimmer

Ach, herrje. Gestern war ein wirrer Tag. Erst wurde mir meine Entlassung in Aussicht gestellt, weil nichts zu finden sei. Fand ich ziemlich deprimierend. Dann die Mitteilung, man habe erhöhte Eisenwerte entdeckt. Das könne die Symptome erklären. Therapie: Aderlass. Aber der Internist müsse noch mal gucken. Ich war mit der Welt versöhnt und malte mir meine Zukunft in leuchtenden Farben aus. („Madame ist heute unpässlich. Sie frönt dem Aderlass.“)

Heute Morgen dann die Mitteilung, der Internist fände nix, die Werte kämen von einer Entzündung, auf die es sonst keinen Hinweis gibt. Soll ich mal vom Hausarzt beobachten lassen.

Wie unmondän! Ich bin empört, aber weniger niedergeschlagen als gestern, denn immerhin sind auch die Stunden mit Majanne und Inge gezählt. Die beiden sind etwas wortkarger geworden und ich bin immer wahnsinnig vertieft, was Majanne allerdings nicht davon abhält, meinen Namen zu brüllen, wenn ich zu lange keinen zustimmenden Laut von mir gegeben habe.

Ab und zu springt Irene auf und bewundert Majannes jeweiliges Strickgut. Doch auch bei den beiden kriselt es. Majannes Glotze wird nur zur Nacht ausgestellt, es läuft RTL, aber da der Kasten über mir hängt, entgehen mir die sicher sehr schönen Bilder. Folgerichtig liegt Majanne mir gegenüber, ich bin also schon aus optischen Gründen gezwungen, ins Handy, Buch oder Sudoku zu starren.

Irene also heute Morgen zu Majanne: „Bei dir läuft der Fernseher immer, oder?“ – „Soll ich ihn ständig ausmachen, oder was!“ – „Ist ja nicht dein Strom, ne?“ – „Ich bin sehr strombewusst!“

Ich lehne mich innerlich zurück und freue mich auf Action, aber dann erzählen sich die beiden begeistert, wie sie zu Hause Strom sparen. Und dass, egal, wie schlimm die Ehe ist, keine Mutter von kleinen Kindern ihren Mann verlassen sollte. Da bleibt Irene auffallend wortkarg, aber Majanne ist eh in Fahrt, da passt kein Wort mehr rein. Wie lang ihre Haare früher waren, wie ihre Tochter plötzlich ausgezogen ist („witzigerweise verstehen wir uns seitdem besser“) und wie sie den Betriebsausflug organisiert und die Zahlen unter den Schnapsflaschen notiert hat, damit jeder eine Chance hatte. (Bitte erklärt es mir nicht.)

Da steigt Irene wieder ein, denn ach, was war der Grünkohlausflug seinerzeit lustig und der viele Schnaps war dann ja auch ne gute Grundlage für den Grünkohl. Sie versteht sich mit ihrem Sohn besser als mit der Tochter, was kein Wunder ist, denn ihre Tochter ist Lehrerin (nicht meine Worte!!), ihr Sohn spielt Gitarre und sie singt dazu und ich muss an Ödipussi denken, nur mit Strickponcho.

Abgesehen davon rettet mir Musik die Laune und vor allem die Nacht. Irene hatte bis heute früh ein Langzeitblutdruckmessding am Arm, der davon alle paar Minuten beinah zerquetscht wurde. Akustisch dargestellt: brummmmm – BRUMMMMM – aua – AUA! – pochpochpfffffffff. Ich habe die ganze Nacht Musik gehört. Ohrstöpsel hatte ich zwar, aber gegen das Doppelschnarchen der beiden Damen, die die ganze Nacht wachlagen, wären sie nicht angekommen. Probiert habe ich es nicht, der zweite klemmte in seinem Behältnis fest.

Die zwar strom- aber wohl weniger umweltbewusste Majanne öffnet zum Frühstück eine mitgebrachte Coladose, die nicht zischt. Also flugs weggekippt und eine neue geöffnet. Mir bleibt der Unterschied der Zischstärke verborgen, aber ich suhle mich in dem überlegenen Gefühl, aus Gründen nicht mehr mit Getränkedosentönen vertraut zu sein.

Majanne strickt eine Jacke aus gemusterter Wolle, ganz ohne Fleischfarbe, die Ärmel sehen gestreift aus. Obwohl ihr Mann dagegen ist. Aber so kann er sich nicht wehren, es liegt ja an der Wolle. Die Jacke ist für Majanne selbst.

Ich muss mal raus, genau genommen will ich aufs Klo, ich habe ein einsames im Erdgeschoss entdeckt. „Zieh dir ne Jacke an!“, ruft Irene mir nach.

7 Antworten
  1. Britta sagt:

    Erinnert mich an eine legendäre Krankenhausnacht mit Ohrstöpseln und einer Dosis Valium, die laut der Krankenschwester ein Pferd matt gesetzt hätte. Ich aber torkelte durch eine Wattewelt zum Schwesternzimmer, weil ich wegen Schnarchens meiner auch sonst wenig entzückenden Zimmergenossin keine Auge zubekam.

    • Daniela sagt:

      Es gibt ja Leute, der Meinung sind, im Krankenhaus könne man sich erholen. Die waren sicherlich alle noch nie dort. Abends spät kommt die Nachtschwester und gibt einem noch eine Spritze, mit den Bettnachbarn ist immer irgendwas, schnarchen, stönen, klingeln, Bettpfanne, Tablettenwunsch. Wegen Tropf oder anderen Beschwernissen kann man nicht auf der bevorzugten Seite liegen. Und wenn man dann nach einer endlos scheinenden Nacht endlich, endlich eingenickt ist, stürmt um 6 Uhr der Frühdienst zum Fieber- und Blutdruckmessen rein. Man kann da gar nicht richtig gesund werden!

  2. Ingrid sagt:

    Zumindest für eine Unbeteiligte wie mich ist in der Ferne für Unterhaltung gesorgt. Wie gut, dass ich in meinem Leben bislang glaube ich, nicht mehr als 2 oder 3 Nächte im Krankenhaus verbringen musste. (Ich habe mich an anderer Stelle dann selbst durch Schnarchen unbeliebt gemacht, es kann einen also überall ereilen!) Ansonsten wünsche ich dir bald mal eine hilfreiche Diagnose!

  3. Paula sagt:

    Man muss ja froh und dankbar sein, wenn man sich im Krankenhaus nicht noch zusätzlich eine Infektion oder so holt. Mit den Zimmernachbarn wird man dann schon fertig. Du solltest jetzt schon eine Erholungszeit vom Krankenhaus einplanen, die schlimmstenfalls so lange dauert wie der Aufenthalt selbst. Gute Besserung und vertrau unbedingt auf Deine Selbstheilungskräfte!

    Hoffentlich ist das Essen genießbar, ansonsten können die Lieben ja Obst mitbringen.

      • Paula sagt:

        Gibt’s doch gar nicht, wo ist diese Klinik? Da müssen wir nächstes Mal unbedingt hin, nur nicht unbedingt in die Neurologie.

        • leitzordner sagt:

          Also … nur um Obst zu essen muss ich jetzt auch nicht zwingend ins Krankenhaus gehen. Soll es woanders auch geben, hab ich mir sagen lassen.

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