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Recherchenostalige

24. Oktober 2014/2 Kommentare/in Briefe

Ich dachte ja, es wäre eine prima Idee, die Briefe einfach abzuschreiben und dann würde man schon sehen, was man daraus machen kann.

Die Idee erweist sich als mittelprima, weil die Briefe sich auf magische Weise verfünffacht haben – aber auch wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ihre Übermacht mich zur Strecke gebracht.

Immerhin weiß ich inzwischen, was man daraus machen kann und die ersten Seiten des Buchprojekts stehen bereits. Nun reicht es natürlich nicht, die (ohnehin rar gesäten) Fakten aus den Briefen zusammenzuklauben und in Buchform zu pressen, nein, Recherche ist gefragt. Ich lese, suche, sehe Filme und mache mir Notizen. Immer wieder finde ich unerwartete Verknüpfungspunkte.

Heute: „Der Hamburger Hafen 1938“ auf DVD, gefilmt von Kurt Lehfeldt. Lehfeldt war seinerzeit Konditor. In dem Café gab es – jedenfalls viele Jahre später – Mittagstisch. Dort hat mein Großvater („Friedrich“ aus den Briefen) gegessen. Und kein Trinkgeld gegeben. Denn wenn man jeden Tag dort fünfzig Pfennig Trinkgeld geben würde, wären das im Jahr über hundert Mark. Und das ginge ja nun wirklich zu weit.

Ja, mein Großvater. Von ihm stammt auch der Rat, sich an der Ampel nie zu dicht an das vordere Auto zu stellen, denn der könnte ja liegenbleiben. Wenn nun der Hintermann auch dicht an einem steht, kann man nicht wenden bzw. sich aus der Lücke quetschen.

Und ja, Lehfeldt. Mein Vater war natürlich früher auch immer bei Lehfeldt. Und manchmal, ganz, ganz manchmal, hat er uns Zuckermännchen mitgebracht. Die standen dann jahrelang im Setzkasten rum, bis sie so verblasst waren, dass ihr Anblick mehr erschreckte als erfreute. Dann habe ich sie entsorgt. Nein, nicht im Müll. Ich habe sie gegessen. Hart war das. Aber süß. Und wahrscheinlich etwas staubig.

Ihr seht: Die Recherche macht mich entsetzlich nostalgisch. Noch dazu fahre ich nachher in meine alte Heimat und gehe dortselbst zum Chinesen. Und erzähle meinen Kindern, dass ich dort früher immer 120 (Huhn mit Mandeln) gegessen habe, bis es Probleme mit dem Mandellieferanten gab und ich auf 119 (Huhn mit Cashewkernen) ausweichen musste. Könnte auch 121 sein. Ich weiß es nie so genau.

Die anderen interessiert das aber gar nicht, das sind nur meine Privaterinnerungen. Wenn ich es aufschreibe, wisst Ihr es trotzdem und ich kann mich anderen Dingen widmen. Zum Beispiel der Frage: Wie ist es, wenn alles anders kommt, als man sich das vorgestellt hat? Wie kommt die Erinnerung mit einem Krieg klar?

Zurück zu meiner Recherche. Ich habe herausgefunden, dass man 1931 in 98 Minuten von Hamburg-Bergedorf nach Berlin reisen konnte. Laut Wikipedia wurde dieser Rekord erst 1997 wieder erreicht. 1929 wollte Leni ihren Bruder Rudu in Berlin besuchen, da wird sie sich später geärgert haben, dass der Schienenzeppelin noch nicht fuhr!

Aber was rede ich, ich muss los. Es gibt Mittagstisch. Ich werde E essen. Und Leute von früher treffen.

Manches ändert sich allerdings nie

Manches ändert sich allerdings nie

Schlagworte: 30er, bergedorf, briefe, china-restaurant, nostalgie, schienenzeppelin, zugstrecke hamburg-berlin
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2 Kommentare
  1. HS sagte:
    25. Oktober 2014 um 13:47

    „Dort hat mein Großvater (“Friedrich” aus den Briefen) gegessen. Und kein Trinkgeld gegeben. Denn wenn man jeden Tag dort fünfzig Pfennig Trinkgeld geben würde, wären das im Jahr über hundert Mark. Und das ginge ja nun wirklich zu weit.“

    Das muß ergänzt u. teilweise richtiggestellt werden.
    Wir haben dort auch häufig zu zweit gegessen und gelegentlich – selten – habe ich bezahlt. Natürlich auch ohne Trinkgeld. Wir hatten uns darauf geeinigt, daß wir zu Weihnachten stattdessen ein dickes Trinkgeld gaben (wie dick weiß ich nicht mehr). In den letzten Jahren war dort eine sehr niedliche kroatische Bedienung tätig, deren Erscheinungsbild für unsere Trinkgeldbereitschaft förderlich war. Im Ergebnis war diese Einmalverfahren natürlich billiger als das tägliche dafür aber – weil punktgenau – eindrucksvoller.

  2. HS sagte:
    25. Oktober 2014 um 15:13

    Und zu dem Schienenzeppelin fällt mir auch noch etwas ein:

    Der Schienenzeppelin war bei uns Kindern als „Fliegender Hamburger“ eine große Attraktion. Dampflokomotiven waren uns natürlich sattsam bekannt, aber so ein tolles „Teil“….
    Wir wußten wohl so ungefähr, wann er unter der alten eisernen Brücke am oberen Ende des Mittelweges in Reinbek hindurchrauschte. Wir setzten uns rechtzeitig auf das Brückengeländer und warteten auf das spektakuläre Ereignis, das sich durch singende Schienen ankündigte.
    In Richtung Berlin war er übrigens immer deutlich schneller (und aufregender) als in Richtung Hamburg. Das fand ich (ungefähr 5 J) enttäuschend. Mein sechs Jahre älterer Bruder lieferte mir die Erklärung: „Von hier bis zum Hauptbahnhof sind es nur noch 25 km. Da muß er jetzt schon bremsen!“
    Ich hab’s geglaubt …

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GESA FÜẞLE

übersetzt, lektoriert, entziffert.

Nachdem Ihr Text bei mir auf dem Schreibtisch lag, ist er verständlicher. Weil Sie ihn in der deutschen Übersetzung besser verstehen. Weil nach dem Lektorat komplizierte Zusammenhänge verständlich geworden sind. Weil Sie endlich wissen, was das Sütterlin-Gekrakel in dem alten Dokument bedeutet.

Telefon: +49 40 73509964
E-Mail: gf@textfuss.de

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