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08.06.1936: der Wunsch, Dich glücklich zu sehen (Rudu)

10. September 2013/4 Kommentare/in Briefe

Die Antwort auf Lenis langen Brief. Auch Rudu hat Neuigkeiten!


El B., den 8. Juni 1936

Meine liebe Leni!

Ingrid und ich haben uns so gefreut von Dir zu hören, vor allem bin ich Dir dankbar für Deinen ausführlichen und traurigen Bericht über die letzten Monate. Es ist mir noch immer unvorstellbar, daß Papa nicht wieder zu uns kommt, es ist so vieles, was seines Rates noch bedarf, so manches wird sich noch einstellen, für das wir seine liebevolle väterliche Fürsorge entbehren.
Ich finde so gut, daß Du bei der lieben Mami bist, ich muß so oft an sie denken und stelle mir stets vor, wie schwer jetzt alles für sie ist. So gern würde ich mal bei Euch sein, bei Mami sein, um ihr zu helfen über das Schwere hinwegzukommen.
Deine ersten 3 Seiten sandte ich an Hertha, die sich sicher sehr freuen wird auch von Dir zu hören. Momentan ist sie in Mexiko City.
Deine Zeilen kamen Ende Mai, ich wollte sie gleich beantworten um noch rechtzeitig mit meinem Glückwünschen zu kommen. Liebe Muschi, ich wünsche Dir sehr viel Gutes, vor allem hoffe ich, daß Du im kommenden Jahr daran denken kannst zu heiraten, ein eigenes Heim hast und das Glück in dem Maße findest, wie wir es Dir alle von Herzen wünschen. In Gedanken sehe ich Dich schon in Deinem kleinen Haushalt, gelegentlich kommen wir dann von hier zu Euch nach Hamburg, wir können endlos klönen – die Männer natürlich über Politik, Ihr Frauen über Ungezogenheiten der Kinder – und abends berichtest Du uns und wir sitzen um einen kleinen runden Eßtisch. Na – diese Gedanken lassen sich so fortspinnen, ihnen zu Grunde liegt der Wunsch, Dich glücklich zu sehen, wenn wir uns den Wiedersehenskuß geben.
Zum Schreiben komme ich in letzter Zeit so schwer, da Ingrid noch im Bette liegt – nachdem sie schon ein paar Tage auf den Beinen war – und ich immer zwischen La U. und B. hin und herreite, um den Sonntag mit Ingrid zu verbringen. Sie wird leider noch länger recht behindert sein, sie darf für mehrere Wochen garnichts haben (Beate) und muß alles vermeiden, was sie anstrengen könnte. Augenblicklich ist noch Frau G. da, später muß die gute Pancha ganz für sie da sein. Dieses Liegen ist für Ingrid eine große Geduldsprobe, sie kann wenig lesen, da sie eigentlich so viel wie möglich auf dem Bauch liegen soll. Auch fehlt ihr jemand, der ihr hier mit Herzlichkeit entgegenkommt. Beate gedeiht ganz prächtig, sie sieht so wohl und gesund aus, ist immer freundlich und lacht. Kaum, daß man mal einen weinerlichen Ton von ihr hört. Mir kommt Beate auch immer besonders reizend vor, mit einem so ausdrucksvollen Gesicht – vielleicht recht hervorgehoben dadurch, daß hier im Hause noch ein Baby ist, das so über alles häßlich aussieht: die kleine R., die nebenbei „Ingrid“ getauft werden wird. –
Aus den Erzählungen von Achim und Hertha und auch aus Deinen Zeilen kann ich mir ein ganz gutes Bild machen von Albrecht, so wie er sich momentan gibt. Bei Gelegenheit kannst Du ihm mal ordentlich ins Gewissen reden, es muß ihm zum Bewußtsein kommen, daß die hohen Ansprüche durchaus fehl am Ort sind. Gerade für ihn muß doch noch eine Existenz geschaffen werden – und wer kann beurteilen, wie sich die Verhältnisse hier draußen noch entwickeln werden. Die Lage Mexikos, die politische Entwicklung dort ist noch ganz ungewiß und sieht für uns nicht rosig aus. – Diese leichte Verstimmung von ihm, wenn nicht alles so geht, wie er es sich denkt, erinnere ich recht gut und das ein Unglück wäre es, wenn er nicht einsichtig genug wird, um seinen Ansprüchen selbst ein vernünftiges Maß zu setzen.
Für heute laß mich schließen, morgen früh geht es sehr zeitig nach U. zurück. Ein Foto für Deinen Geburtstagstisch – der zwar sicher schon lange abgebaut ist, wenn Dich diese Zeilen erreichen – lege ich bei.
Ingrid läßt Dich von Herzen grüßen. Dich bubbt in Liebe
Dein Rudu.

Ich erzähle Dir ein anderers mMal mehr und mit Muße. Ich war heute ein bischen in Eile. S.o.

Grüß bitte Friedrich vielmals!


Oh ja, die Männer reden über Politik und die Frauen über Kinder. Kein Wunder, dass in dieser Korrespondenz nie Politik diskutiert wird – außer, dass die politische Lage in Mexiko erwähnt wird.

Schlagworte: 1936, 30er, baby, briefe, mexiko, nachwuchs, politik, tod
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4 Kommentare
  1. Sandra sagte:
    10. September 2013 um 11:33

    Macht richtig Spass, diese Briefe zu verfolgen. Das ‚bubben‘ finde ich ja immer noch das Beste! Und auch die vielen Ratschlaege aus so weiter Ferne. Weitermachen! Ganz liebe Gruesse

    • Gesa sagte:
      10. September 2013 um 11:43

      Ich werde Dir bei Gelegenheit demonstrieren, wie man richtig bubbt. Danke fürs Ermutigen! :)

  2. Alice Scheerer sagte:
    18. September 2013 um 11:52

    Was wohl aus dem über alles hässlichen Baby geworden ist?

    • Gesa sagte:
      18. September 2013 um 12:03

      Eine überaus interessante Frage! Leider wird es schwer zu überprüfen sein, ohne sich sehr unbeliebt zu machen! :)

Kommentare sind deaktiviert.

GESA FÜẞLE

übersetzt, lektoriert, entziffert.

Nachdem Ihr Text bei mir auf dem Schreibtisch lag, ist er verständlicher. Weil Sie ihn in der deutschen Übersetzung besser verstehen. Weil nach dem Lektorat komplizierte Zusammenhänge verständlich geworden sind. Weil Sie endlich wissen, was das Sütterlin-Gekrakel in dem alten Dokument bedeutet.

Telefon: +49 40 73509964
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