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Wollkram

15. Januar 2015/1 Kommentar/in Handkram

Halb sechs am Morgen. Der übliche Herr duscht. Ich kann das ignorieren. Bis meine neue Nachbarin Inge ihr Licht anmacht und ihrerseits lautstark das Bad aufsucht. (Oh ja, das geht.) Es folgen Deospray, Haarspray, noch irgendein Spray und Parföng. Aus unerfindlichen Gründen weiß ich nichts über ihren Beruf (sie durfte zu Hause bleiben, als die Kinder klein waren) und in mir verankert sich die Vision der Puffmutter.

Auch Majanne ist erwacht („Vor elf kricht mich niemand wach“) und sagt: „So früh!“ Inge: „Weiterschlafen!“

Sie löscht das Licht so laut es geht und ich sehe sie mit leicht gehobenem Haupt neben mir liegen, ist ja auch schwierig so mit gestylten Haaren.

Wieder geht das Licht an, diesmal ist es die Schwester. „Wissen Sie noch, wie der zweite Wert beim Zuckertest war?“ – „…“ – „Der wurde nicht eingetragen.“ – „Öhm, 160?“ – „Ja? Sonst müssten wir noch einmal …“ – „Dochdoch, 160.“

Ein paar Minuten später steht sie mit meiner Akte da. „Der erste Wert war 162. Sind Sie sicher, dass der zweite …“ Wir einigen uns auf 140, Majanne und Inge schmeißen ihre Glotzen an und ein neuer Tag im Gruselkabinett der Wolle beginnt.

Majanne und Inge stricken leidenschaftlich und aus ihrer Euphorie, eine Wollgenossin gefunden zu haben, schließe ich, dass sie in ihrer jeweiligen Welt mit ihrem Hobby allein sind. Als meine lustigen Zimmergenossinen weg waren, kam Majanne und klärte mich über ihr Leben auf. Ich sagte nicht viel, schrieb ein bisschen mit, damit Ihr was zum Lachen haben würdet, aber es war nicht mal wirklich unterhaltsam.

Dann kam Inge, Majannes Lebensgeschichte wurden noch einmal ausgerollt, Inges beschränkte sich auf raffinierte Möglichkeiten, umsonst an Wolle zu kommen. Das klappt so gut, dass sie ein extra Wollzimmer hat. Inge hatte die bisherigen sechs Stunden in der Klinik dazu genutzt, einen 40 cm langen und 10 cm breiten, fleischfarbenen Lappen zu stricken. Ich vergaß zu fragen, was es wird. Ein Stulpenschal vielleicht, das soll ihre Spezialität sein.

Bei den Gardinen sind sich die beiden uneinig. Majanne strickt ihre, während Inge ihre lieber häkelt. Dafür strickt sie breit gestreifte Kissen mit einer fetten Schleife drauf.

Ihr wollt wissen, wie es mir geht? Nervenwasser ohne Befund (das ist gut), Akupunktur mit Frau Wu, der tollen Stationsärztin, kein Befund in Sicht und um mich herum … naja, die hab ich wohl ausführlich genug erwähnt. Ich war schon besser drauf. Weil Ihr Euch so lieb kümmert, möchte ich Euch auch einen Gefallen tun. Es ist der Rat der weisen Majanne, den ich an Euch weitergebe: Geht nicht in Hannover aufs Schützenfest.

Schlagworte: akupunktur, klinik, schützenfest, wolle
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1 Kommentar
  1. frauziefle sagte:
    15. Januar 2015 um 10:44

    Das ist gut, wir werden uns daran halten. #Schützenfest
    Und sind sowieso gedanklich an Bord, und hoffen, dass sich das Dilemma „Befund ist blöd, kein Befund noch blöder“ maximalpositiv für dich auflöst.

Kommentare sind deaktiviert.

GESA FÜẞLE

übersetzt, lektoriert, entziffert.

Nachdem Ihr Text bei mir auf dem Schreibtisch lag, ist er verständlicher. Weil Sie ihn in der deutschen Übersetzung besser verstehen. Weil nach dem Lektorat komplizierte Zusammenhänge verständlich geworden sind. Weil Sie endlich wissen, was das Sütterlin-Gekrakel in dem alten Dokument bedeutet.

Telefon: +49 40 73509964
E-Mail: gf@textfuss.de

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