Oben

Ich bin von Christa zum Thema Authentizität befragt worden. Das wollte ich hier noch gern unterbringen. Darum geht es aber gar nicht. Sondern um Steffens Oben.

Wenn man mit einem „Experten für Gräueltaten“ (Zitat Bergedorfer Zeitung) zusammenlebt, liegt es nahe, sich an dem Wissen dieser Person zu laben. Und so waren wir neulich in Sandbostel, mitten im Nichts in Niedersachsen. Bremervörde ist in der Nähe, doch dazu später. Sandbostel war im Zweiten Weltkrieg ein Kriegsgefangenenlager. Erst seit einigen Jahren ist es eine Gedenkstätte. Verfallende Baracke, Grünzeug wächst darinErstaunlicherweise stehen noch viele der Baracken. Eine nicht geringe Anzahl hat eine neue Nutzung erfahren, da sich dort ein kleines Industriegebiet angesiedelt hat. In den … genau. In den Baracken. Einige Gebäude auf dem Gedenkstättengelände verfallen kontrolliert.

Renovierungen an den anderen werden so vorgenommen, dass man immer erkennen kann, was neu und was alt ist. Zwischen ihnen war früher Sand bzw. Matsch, heute wächst dort Rasen und bis vor kurzem grasten dort auch noch die Schafe. In einer Baracke war der Schafstall untergebracht, auch das war noch sichtbar.

Es gibt eine umfangreiche Ausstellung mit viel Text, den ich nicht vollumfänglich ins Gehirn stopfen konnte. Einige Ausstellungsstücke sind geklaut worden.

So lange ich dort war, fand ich die Gedenkstätte interessant, ganz sachlich betrachtet. Berührt hat sie mich erst hinterher. Ich brauche manchmal etwas, bis ich das Gesehene verarbeiten kann, und ich finde es schwer, das dann in Worte zu fassen, was wiederum die kurzen Sätze erklärt. Jedenfalls muss ich wieder mal feststellen, wie gut es mir geht. Ich bin ganz oben auf der Gut-geh-Skala, trotz allem persönlichen Unbill.

Mehrere Holzbaracken nebeneinander, davor Rasen

Woanders ist es auch nicht schön, aber anders

Wir fuhren wieder los und hatten Hunger, den wir in Bremervörde stillen wollten. Wer ein spannendes Touristikziel sucht, ist hier ganz falsch. Zwischen wenig alten, dafür unschön angemalten, und neuen, unsensibel reingeklatschten Häusern fanden wir uns unvermittelt vor dem sich durch besondere Hässlichkeit auszeichnenden Kaufhaus Steffen wieder. Dort begaben wir uns zu „Steffens Oben“, dem Restaurant. Wir erwarteten das, was uns erwartete. Currywurst mit Steffens-Oben-Sauce wäre im Angebot gewesen, doch wir entschieden uns für andere, nicht weniger typische RestaurantKantine-oben-im-Kaufhaus-Kost.

Der Gegensatz zwischen dem bedrückenden Besuch bei einer Elendsstätte und dem anschließenden überlustigen Aufenthalt in einer häusertechnisch verschandelten Kleinstadt, die aber immerhin mit der Parfümerie Jasmin Nadine aufwarten kann, ist völlig absurd. Ich empfehle trotzdem beides.

2 Antworten
  1. Britta sagt:

    Ich kann nur zur Bremervörde etwas sagen und ich kenne auch das Kaufhaus. Bremervörde rangiert bei mir persönlich ganz oben in der zukünftigen „Lost Places“-Skala, zusammen mit Hohenwestedt, Itzehoe und Elmshorn. Ich dachte immer, Eckernförde würde auch in diese Skala gehören, aber seit dem Winter weiß ich, dass das ganz falsch ist. Eckernförde stand sicher mal am gleichen Scheideweg, hat aber eine andere Richtung eingeschlagen. Dort empfehle ich euch wärmstens das Hotel Seelust. Am besten ist vermutlich das Zimmer im ersten Stock ganz am rechten Ende des Gebäudes, das hat ein riesiges Badezimmer mit Wanne.

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