Alte Möbelfreunde – ein Blogwichtelbeitrag

Jedes Jahr zu Weihnachten findet beim Netzwerk Texttreff das Blogwichteln statt, bei dem wir uns gegenseitig mit Blogbeiträgen beschenken. Dieses Jahr hat mich Ute Boronowsky bewichtelt. Ich habe wiederum bei Iris Jilke über verständliches Schreiben philosophiert.

Foto: Ute Boronowsky

Ein neues Möbelstück zu kaufen ist einfach, aber langweilig. Es ist nur eines von vielen Geschwistern, die ihre Funktion erfüllen. Damit es zum Möbelfreund werden kann, müssen wir erst zusammen eine Geschichte erleben.

Dass ich die alte Singer-Nähmaschine meiner Uroma erben würde, stand schon fest, als ich im Grundschulalter auf Omas Knien saß und krumme Stiche auf bunte Stoffläppchen nähte, während Oma – oder besser, Omma, wie wir Ruhrgebietsleute sagen – rhythmisch mit den Füßen den Antrieb bewegte. Meine Beine waren dafür viel zu kurz, und auch mit der Koordination haperte es noch.

Die Geschichte der Nähmaschine beginnt aber schon ein halbes Jahrhundert früher. Ommas Mutter – nennen wir sie der Einfachheit halber „Ur-Omma“, denn Omma und sie hatten den gleichen Vornamen – war Witwe, alleinerziehende Mutter zweier Kinder und Unternehmerin. Fotos zeigen sie aufrecht stehend, im schwarzen hochgeschlossenen Kleid, mit verkniffenem Mund. Hinter ihr etwa zwanzig Nähmaschinen, neben jeder ein junges Mädchen mit weißer Schürze, ebenfalls sehr aufrecht. Ihre „Lehrmädchen“, wie Omma sie nannte. Aus heutiger Sicht: Auszubildende und Mitarbeiterinnen in einem mittelständischen Handwerksbetrieb.

Ur-Omma managte ihre Schneiderwerkstatt erfolgreich, scheiterte jedoch wie so viele andere an der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre. Bis auf die eine Singer wurde alles verkauft, die „Lehrmädchen“ standen auf der Straße, und auch sonst brachen düstere Zeiten an. Später erbte Omma die Nähmaschine, ich kam zur Welt, und wir entdeckten unser gemeinsames Hobby. Als Omma ins Pflegeheim zog, gab es – anders als bei anderen Erinnerungsstücken – keine Diskussion in der Familie. Die Singer kam zu mir. Vor einigen Jahren ist bei einem halbherzigen Versuch, sie wieder in Betrieb zu nehmen, das Antriebsseil gerissen. Damit darf sie jetzt offiziell „in Rente“ sein.

 

Foto: Ute Boronowsky

Meinen Schreibtisch dagegen traf ich erst Mitte der Nuller-Jahre in der Küche einer Kollegin und war blitzverliebt. „Ooch, so ein schöner Tisch, wo hast du den her?“ Jugendstil, gedrechselte Beine, runde Ecken, Eiche. Und das, obwohl „Eiche brutal“ doch ein Synonym für schreckliche Möbel ist. Hier passt kein anderes Holz. Und als wunderbares Detail noch eine – etwas abgestoßene – Besteckschublade mit einem runden messingfarbenen Knopf. Ein echter Küchentisch also.

Meine Kollegin hatte den Tisch eher aus praktischen Gründen aus ihrer Hamburger WG mitgenommen und konnte meine spontane Liebe nicht ganz nachvollziehen. Aber als wir beide ein paar Jahre später fast zeitgleich umzogen, bekam ich den Tisch. Heute dient er als Katzenliegeplatz, Schreibtisch und – so schließt sich der Kreis – Nähtisch für die mittlerweile elektrische Maschine. In der Schublade wohnen jetzt Briefmarken, USB-Sticks und anderer Kram.

Kürzlich habe ich überlegt, ihn gegen einen höhenverstellbaren Schreibtisch auszutauschen. Für meinen Rücken wäre das sicher besser. Das hieße aber auch: der Küchentisch müsste weg, denn für zwei ist kein Platz. Was tun? Ebay ist zu unpersönlich, Entsorgen kommt nicht in Frage. Und so werden alle Gäste zum Schreibtisch gelotst. „Schau mal, wäre der nicht was für dich / deinen Sohn / deine Mutter“? Bisher erfolglos. Und so experimentiere ich mit Schuhkartons, um die Höhe von Monitor, Tastatur und Maus zu variieren. Klappt eigentlich ganz gut und ist total nachhaltig. Alternativ habe ich mir höhenverstellbare Aufsätze angeschaut (Danke Gesa für den Tipp!) Ich denke, wir bleiben noch eine Weile zusammen, der Tischfreund und ich.

 

Ute Boronowsky ist promovierte Biologin. Wenn sie nicht gerade an der Nähmaschine sitzt, textet und übersetzt sie wissenschaftliche und Marketing-Inhalte für die Pharma- und Biotechindustrie. Ute bloggt auf https://www.science-inbound.com/playground.

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