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Nach Schwerin – Leni bloggt (6)

2. Mai 2015/1 Kommentar/in Briefe, Vor 70 Jahren

Der Morgen dämmert, und ich muss der schrecklichen Wahrheit in Form meines toten Sohnes ins Gesicht sehen. Hatte ich vorher noch versucht, Helene und Klaus davon zu überzeugen, dass ihr Bruder schliefe, gibt es jetzt doch kein Halten mehr und die Tränen fließen in Strömen. Strömen tun auch die Menschen an uns vorbei, aber es gelingt mir mithilfe des Fahrers doch, einen Krankenwagen zu organisieren.

Wir falten uns aus dem liegengebliebenen Wagen heraus und ich versuche gerade, Christian vorsichtig herauszuziehen, als der Arzt mir zuruft: „Sparen Sie sich die Mühe, wir transportieren keine Leichen.“

Sparen Sie sich die Mühe.

„Dann geben Sie mir einen Spaten, ich muss ihn beerdigen.“

„Sie können später wiederkommen, lassen Sie ihn im Wagen, dann können Sie ihn nachher beerdigen. Wir müssen los, der Russe ist direkt hinter uns.“

Die Wahrheit seiner Worte wird mir erst später schmerzlich bewusst werden, jetzt drängen wir uns in den Krankenwagen und fahren im erhöhten Schritttempo nach Schwerin. Das Chaos dort ist unbeschreiblich, aber die Kinder werden versorgt und auch mein Arm wird noch einmal verbunden.

Als die Kinder schlafen, mache ich mich auf den Weg nach Osten, ich muss mich um meine jüngsten Söhne kümmern. Einen begraben, einen holen.

Am Eingang des Krankenhauses werde ich angehalten. „Wo wollen Sie hin?“ Ich erkläre, dass meine Kinder schlafen, aber genau gekennzeichnet sind, und dass ich in ein paar Stunden wieder da bin. Ich kann ihn verstehen, zu viele Mütter lassen ihre Kinder zurück.

„Vergessen Sie’s, der Russe ist in Muess. Da kommen Sie nicht durch.“ Muess – das ist am Schweriner See, sieben Kilometer von hier.

Ich muss es doch versuchen. Ich habe meinen toten Sohn in einem kaputten Wagen zurückgelassen. Ich habe meinen jüngsten Sohn in seinem Kinderwagen zurückgelassen.

Ich schlage mich durch, dem Treck entgegen, doch schon vor Muess ist kein Durchkommen mehr. „Ich will zu meinen Kindern!“, herrsche ich den russischen Offizier an, der mir daraufhin anbietet, mir ein neues Kind zu machen, wenn ich so scharf drauf bin.

Ich bin nicht scharf drauf.

Ich habe Christian abgetrieben. Ich wollte dieses Kind nicht und jetzt zerbreche ich daran, dass es nicht mehr lebt.

Ich lasse mein jüngstes Kind zurück und jetzt komme ich nicht mehr zu ihm.

Meine beiden großen Kinder lasse ich im Krankenhaus allein.

Was bin ich nur für eine Mutter?

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1 Kommentar
  1. Andrea sagte:
    2. Mai 2015 um 14:27

    Wie unfassbar traurig und herzzerreißend

Kommentare sind deaktiviert.

GESA FÜẞLE

übersetzt, lektoriert, entziffert.

Nachdem Ihr Text bei mir auf dem Schreibtisch lag, ist er verständlicher. Weil Sie ihn in der deutschen Übersetzung besser verstehen. Weil nach dem Lektorat komplizierte Zusammenhänge verständlich geworden sind. Weil Sie endlich wissen, was das Sütterlin-Gekrakel in dem alten Dokument bedeutet.

Telefon: +49 40 73509964
E-Mail: gf@textfuss.de

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